Kirschenmann, Johannes / Wagner, Ernst (Hgg.): Bilder, die die Welt bedeuten. „Ikonen“ des Bildgedächtnisses und ihre Vermittlung über Datenbanken, München 2006.

Nichts Geringeres als die Zusammenstellung eines einhundertteiligen Bilderkanons für den Kunst- und Geschichtsunterricht in Form einer digitalen Bilddatenbank hatten sich die Mitarbeiter des bayerischen Modellprojekts „Ikonothek“ zum Ziel gesetzt[i]. Die Beiträge zur Tagung, auf der die Ergebnisse des im Rahmen des Programms „Kultur und Bildung im Medienzeitalter“ konzipierten Projekts vorgestellt wurden, sind nunmehr in einem von Johannes Kirschenmann und Ernst Wagner herausgegebenen Band versammelt. Insgesamt 19 Aufsätze führen durch die in drei Teile gegliederte Publikation, wobei zunächst die „Konstellationen zu Bildern und ‚Ikonen’“ (Teil 1) betrachtet werden, um daran anschließend „Pädagogische Aspekte und Vermittlung“ (Teil 2) bei der Auseinandersetzung mit ‚Ikonen’ in den Blick zu nehmen, und schließlich einzelne „Bilddatenbanken“ (Teil 3) detaillierter vorzustellen.

Die im gesamten Band weitestgehend konsequent gehaltene typographische Auszeichnung des Topos ‚Ikone’ weist dabei auf den nicht immer einfachen Umgang mit diesem kunsthistorisch fest belegten Begriff hin. Den Projektmitarbeiten resp. den Autoren ist es dabei gelungen, eine (fernab der Bildhaftigkeit der Ostkirche sich verortende) gemeinsame Definitionsgrundlage der ‚Ikone’ zu finden, die den Anforderungen einer massenmedial vermittelten Umgangssprache wie den Standards für systematische Zugriffe auf die jeweiligen Themen gleichermaßen gerecht wird. Dabei wird den einzelnen Beiträgen jedoch ausreichend Spielraum gelassen, ihre spezifischen Anforderungen an den ‚Ikonen’-Begriff auszuarbeiten, wodurch die Bewertung der Tragfähigkeit dieses Begriffs stets aufs neue ausgehandelt werden muß. Gerne glaubt man da der Formulierung von „intensiven Debatten“ (S. 10) in der Projektgruppe, wie es zurückhaltend dazu im Vorwort zu lesen ist. Im Beitrag von Alfred Czech werden einige dieser Begriffsbestimmungen und -auslotungen zur komplexen Materie vorgestellt. Die individuellen Eigenarten des Rezipienten gegen allgemeine Muster durchaus abwägend, erfährt der Leser, welche Überlegungen zu ‚Ikonen’, zu den Rahmenbedingen des Bildgedächtnisses, zu Kanonbildung und -begriff etc. dem Projekt der „Ikonothek“ und dem Sammelband zugrundeliegen. ‚Ikonen’ weisen sich dabei durch ihre Widererkennbarkeit in breiten Teilen der Öffentlichkeit, ihre gestalterischen Qualität, ihre Verknüpfung mit bedeutenden Persönlichkeiten oder dramatischen Ereignissen und der Verdichtung von „Ängste[n], Hoffnungen und Leidenschaften zu Symbolen menschlichen Daseins“ (S. 27) aus.

Die Beschäftigung mit ‚Ikonen’ wird in vorliegendem Band zudem eingebettet in die Mitte der 1990er Jahre entfachten Debatte um den ‚pictorial turn’ im Sinne eines umfassenden Bedeutungswandels des Bildes in der gesellschaftlichen Kommunikation sowie in die in ihrer Vielfältigkeit nur schwer noch zu überblickende Gedächtnis- und Erinnerungsforschung. Tatsächlich gibt es mitunter wenig Trennschärfe zwischen den ‚Ikonen’ einzelner Beiträge und einem „Erinnerungsort“ nach der Definition von Hagen Schulze und Etienne Francoise[ii].

In seinem Aufsatz beschreibt Johannes Kirschenmann ‚Ikonen’ als „Ausnahmen von ihrer realgeschichtlichen Herkunft“ (S. 137). Diese Ausnahme im Sinne von Herausnahme ist besonders wirksam, da ihnen eine besondere Dramatik innewohnt; das Ereignis, welches sich im Bild verdichtet, wird aus seinem historischen Kontext herausgelöst, allein der Schock, das emotionalisierte Ereignis werden zu Triebfedern des Erinnerns. Das Zusammenspiel verschiedener sensitiver Faktoren im Fernsehen (Bild, Ton, Schnitt) fördert dabei die Ästhetisierung und somit auch die Erinnerungsfähigkeit. Mit den ‚Ikonen’ wird so Wissen vermittelt, welches auf „medial bedingter Konsensstiftung eines ‚so war es – es ist wahr’“ (S. 142) beruht. An dieser Stelle liegen denn auch die Gefahren der Ideologisierung, wenn ‚Ikonen’ politisches Handeln zu legitimieren versuchen, wobei die politischen Akteure weniger auf das ikonische Material selbst als vielmehr auf die dahinter liegenden „Bildsignaturen“ abzielen.

Ernst Wagner testet die Tragfähigkeit des ‚Ikonen’-Begriffs am Beispiel der Blue Jeans mit einigem Erfolg, während Laurenz Volkmann Aura und Wirkung der Pop-‚Ikonen’ Britney Spears und Madonna daraufhin untersucht, wie sie sich „als ein semiotisch zu beschreibendes Zeichensystem“ (S. 93) etablieren konnten. Gleich zwei Beiträge beschäftigen sich mit Pressefotografie: Rainer Wenrich skizziert die Mechanismen der Kriegspropaganda durch Bildmedien und exemplifiziert an einigen Beispielen die Möglichkeiten und Spielarten darauf gerichteter künstlerischer Intervention, während Thomas Knieper den ‚Ikonen’-Begriff für den Bildjournalismus anwendet. Für ihn sind ‚Ikonen’ auf einen Schlüsselmoment verdichtete Ereignisse. Die Ausstrahlungskraft der ‚Ikonen’ gründet sich in der visuellen Stärke ihrer Bildhaftigkeit und ihrer häufigen Veröffentlichung. Bemerkenswert ist, daß die Memorierungsleistung in Bezug auf (Presse-)Fotografien und die Rekonstruktion des abgebildeten historischen Zusammenhanges nur wenig aufeinander bezogen, oft sogar widersprüchlich sind. Knieper plädiert daher für einen intensiv verfolgten Aufbau von Bildkompetenz (und ist damit zugleich Verfechter einer eigenständigen Bildwissenschaft), um eine ausreichende Kontextualisierung der vorgefundenen Bilder zu ermöglichen und so „falschen Geschichtsbildern“ (S. 71) entgegenzuwirken. An dieser Stelle ließe sich fragen, ob die Formulierung von ‚richtigen’ und ‚falschen’ Geschichtsbildern nicht durch eine Reflexion der generell gesellschaftlich bedingte Konstruiertheit von Geschichtsbildern hätte flankiert werden müssen. Auch Astrid Brosch sieht Bilder, in ihrem Falle sind es Kunstwerke, als sinnvolle Quellen für die Ausprägung von Geschichtsbewußtsein, solange ausreichend kontextualisierendes Wissen vorhanden ist. Bilder eignen sich durchaus zum Erinnern, wenn das semantische Netz des Betrachters eng genug geknüpft ist. Exemplarisch zeigt dies Benjamin Drechsel, der anhand der Übertragung von stilistischen und inhaltlichen Elementen des Gemäldes der „Kaiserproklamation“ von Anton von Werner in eine Werbekampagne für eine große deutsche Tageszeitung deutlich macht, welche Codes auf welchem Wege – sei es bewußt oder unbewußt – bei solch einer Bedeutungsübertragung transportiert und zielgruppenspezifisch eingesetzt werden.

In dem auf Aspekte der Vermittlung ausgerichteten zweiten Teil des Sammelbandes bietet Karl Rebel eine Strategie zur kognitiven Organisation von Material in Bilddatenbanken an. Seine Überlegungen, sich Bildern mit einem mikroästhetischen Blick zu nähern, versteht er als Schlüssel, um Sehen und Denken stets aufs neue zu organisieren. An fünf „Pointen“ – verschiedenen Strategien des Einsatzes des Mikro-Blickes, zeichnet er die Möglichkeiten nach, die sich durch Einsatz visueller Abbreviaturen ergeben und nimmt dabei – in den aktuellen bildwissenschaftlichen Debatten nicht unbedingt selbstverständlich – den aktiven Rezipienten in die Pflicht. Im Beitrag von Andreas Körber wird ein Konzept vorgestellt, welches mit Einsatz differenzierter Quellenkritik für das Bild als methodisches Mittel zur Rekonstruktion von Geschichte eintritt. Dabei ist der Fokus auf die Frage gerichtet, wie die sich im Bild verdichtete Sinnbildung von Ereignissen oder Strukturen der Vergangenheit herauspräpariert werden kann, auf deren Grundlage sich aktuelle Interpretationen, strukturelle Erklärungsmuster oder Wirkungsanalysen erarbeiten lassen. Die Auseinandersetzung mit Bildkontexten ist ebenso Inhalt des Aufsatzes von Klaus-Peter Busse. Für den Umgang mit den in Datenbanken erhältlichen ‚Ikonen’ stellt er das Konzept des Bildatlasses vor. Ausgehend von der Idee Aby Warburgs, mit Hilfe eines Atlasses eine Systematisierung der von ihm beschriebenen (und im vorliegenden Band mehrmals erwähnten) Pathosformeln vorzunehmen[iii], setzt sich Busse für die Etablierung der systematischen Bildersammlung und -organisation mit den daraus erfolgenden Sinnkonstruktionen als Lernkultur ein. Die Ausführungen von Claudia Stäuble und Eckhard Hollmann zu neuen Wegen und Perspektiven der Bildvermittlung über das Kunstbuch und dessen auf unterschiedliche Käuferschichten abzustimmende Ausrichtung im Wettbewerb mit virtuellen Datenbanken beschließen den zweiten, didaktischen Teil der Publikation. Deren letzter Teil widmet sich mitunter sehr detailliert, oft aber auch recht kurz gefasst, den Informationen über Inhalte, Ziele und technische Voraussetzungen bestehender Bilddatenbanken. Stefan Brenne stellt ausgiebig das interdisziplinäre „Prometheus“-Bildarchiv vor und bemerkt sehr richtig, daß die Nachhaltigkeit digitalisierter Medien, die Notwendigkeit ihrer seriösen Zitierfähigkeit sowie eine ausreichende bildtechnischen Qualität zu den Grundlagen einer guten Datenbank gehören. Jacob Birkel berichtet über den Ansatz des auf Interaktion mit dem Nutzer ausgelegte Projektes „Global Icons“, welches sich gegen rein statische Datenorganisation richtet; Benjamin Drechsel und Karina Klier führen in Anspruch und Nutzen des „BiPolAr“-Archives, einer Bilddatenbank für Politikwissenschaft und die politische Bildung ein; Hartwig Gebetsroither und Markus Riebe stellen das österreichische „Bibliokon“-Konzept als Form einer offenen Enzyklopädie vor und Ernst Wagner präsentiert – vielleicht ein wenig zu kursorisch – die Ausgangslagen des „Ikonothek“-Projekts, mithin den Katalysator für vorliegenden Sammelband. Eine etwas andere Art der virtuellen Bildaufbereitung präsentieren Jutta Ströter-Bender und Lars Zumbansen , die über Entwicklung und Einsatz eines Computerspiels zur „Zeche Zollverein“ in Essen in kunstpädagogischem Kontext berichten. Die Anmerkungen Rainer Wendrichs zu neuen pädagogischen Formen wie „e-learning“ resp. „blended learning“ unter Heranziehung der im Band vorgestellten Datenbanken (die mitunter zu wenig kritisch der Informationsgewinnung aus dem Internet entgegenstehen) beschließen den Textteil des Bandes, gefolgt von kurzen Steckbriefen zu den vorgestellten Bilddatenbanken und Projekten.

Zwei Aspekte ziehen sich durch nahezu alle Beiträge des dritten Teils: die oftmals problematische Finanzierung, die für eine professionellen Standards genügende Bildbereitstellung notwendig ist, sowie die rechtlichen Probleme einer allgemeinen Verfügbarkeit der Bilder in den Datenbanken durch eine komplizierte und oft unklare Situation im Urheberrecht. Dies führt denn auch zu einem der größten Defizite dieses Buches über ‚Ikonen’: Es fehlt an ausreichender Anschauung. Vielen Aufsätzen hätte eine Beigabe von Abbildungen sehr gut getan (-bei anderen wiederum läßt sich fragen, ob der Abdruck von Bildschirmpräsentationsfolien die gestalterisch beste Lösung gewesen sein mag).

Löst man sich vom Buch und versucht, das Defizit mit Abbildungen aus den Datenbanken im Internet zu beheben, versperren durchgehend passwortgeschütze Seiten oder andere Zugangsbehinderungen den Weg in die Datenpools. Die Gründe dafür mögen plausibel sein, doch wird damit ein Problemfeld deutlich, welches dringend einer Auseinandersetzung bedarf (und im Band auch expliziter hätte erwähnt werden müssen), um die präsentierten vielfältigen Postulate hinsichtlich einer ausgeprägten Bildkompetenz auch erfüllen zu können.

Ein weiterer Aspekt, der stärkerer Erwähnung bedurft hätte, sei mit dem Schlagwort „Transnationalisierung“ umrissen. Gerade die Form der digitalen Bildsammlung und die Vernetzung verschiedenster Lehr- und Forschungseinrichtungen im kunstpädagogischen Kontext sollten den Fokus zu großräumigeren Denk- und Anschauungsräumen lenken. Dies bedeutet nicht, den (ohne Frage notwendigen) regionalen Blickwinkel auf immer zu verlassen, sondern ermöglicht vielmehr, eigene kulturelle und traditionelle Formen detaillierter zu beschreiben und fassbar zu machen. Zudem zielt die damit einhergehende ‚ikonische’ Horizonterweiterung auf eine Bereicherung der Seherfahrung ab, die für Komparatistik und Urteilsbildung im kunstpädagogischen Prozeß von grundlegender Bedeutung ist.

Im Vorwort zu vorliegender Publikation findet sich die These, daß Datenbanken die Form von Erinnerungen und die Struktur des kollektiven Umgangs mit Vergangenheit verändern. Mit theoretischen Grundlagen und praktischen Beispielen ist es dem Band gelungen, dies sichtbar zu machen. Daß sich bei Aufnahme einer solchen Vielzahl höchst streitbarer und debattenreicher Diskursfelder in einen Sammelband viel Angriffsfläche bietet, ist unbesehen. Daß die Herausgeber diesen Schritt offenbar nicht trotzdem, sondern gerade deshalb gewagt haben, verdient Anerkennung. Nicht allein für die notwendig folgenden kunst- und geschichtsdidaktischen Auseinandersetzungen, auch für die Bearbeitung aktueller kunst- und kulturtheoretischer Problemstellungen wie bspw. die Frage nach der Institutionalisierung und der inhaltlichen Ausrichtung einer Bildwissenschaft oder die Tendenzen der Ablösung einer hegemoniellen Hermeneutik[iv] bei der Kunstbetrachtung kann dieser Band sinnvolles Material liefern.

 

Thomas Klemm, Leipzig

 

 



[i]     www.ikonothek.de

[ii]    Francois, Etienne/ Schulze, Hagen (Hgg.): Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bände, München 2000/ 2001.

[iii] Warnke, Martin (Hg.): Aby Warburg: Der Bilderatlas. Mnemosyne, Berlin 2000.

[iv]    Zu den aktuellen Fragen der Bildwissenschaft siehe den ausführlichen Tagungsbericht des Internationalen Forschungszentrums für Kulturwissenschaften Wien vom 21. bis 23. April 2005 von Burk, Jens Ludwig: Bildwissenschaft? Eine Zwischenbilanz; www.iconicturn.de/iconicturn/home/?tx_aicommblog_pi1%5BshowUid%5D=47&cHash=d77c3c95b0, 24.04.2006.