Johannes Kirschenmann / Georg Peez (Hg.): Computer im Kunstunterricht. Werkzeuge und Medien. Sekundarstufe. Auer Verlag GmbH, Donauwörth 2004, 220 Seiten, DIN A4 mit zahlreichen s/w-Abbildungen. € 22,80, ISBN 3-403-04177-8

Sowohl die Herausgeber als auch mehrere der 25 Koautoren sind im Feld der kunstpädagogischen Theoriebildung bis hin zum Anwendungsbezug elektronischer Medien ausgewiesene Fachleute. Nach ihrer BDK-Schrift von 1998 (Chancen und Grenzen der Neuen Medien im Kunstunterricht) liegt hiermit so etwas wie eine Fortsetzung vor, in summarum kein nur kosmetischer, sondern ein qualitativ weiter entwickelter Erfahrungsschatz, den es zu heben gilt. Ich bin davon überzeugt, dass sich sowohl Medienfreaks als auch IT-skeptische Leser (wie sie in unserem Biotop nicht selten sind) vom Engagement der Beiträge anstecken lassen. Bei allem geht es längst nicht mehr um die Legitimation oder Akzeptanz einer neuen Technologie, sondern vielmehr darum, gelungene, alltagstaugliche Ergebnisse vorzutragen, die zeigen, wie sie sich möglichst erkenntnis- oder handlungswirksam in den Schulbetrieb integrieren lässt.

In diesem Sinne öffnet der Computer „ein Fenster [...] hin zu Bildräumen“. Um einen einigermaßen festen Grund unter den sich auf diesem Gebiete inzwischen kräftig wachsenden Rohbau zu bekommen, wird die seit dem 19. Jahrhundert betriebene Erforschung der perspektivischen Raumdarstellung als kunsttheoretische Folie der flankierenden Theorie unterlegt. Ergänzt wird sie durch einen komprimierten medientheoretischen Exkurs, der sieben Modelle vorstellt, und damit die Klammer zur prekären Position des Benutzers bildet, der, so im Rekurs auf Norbert Bolz, „zum Schaltmoment im Medienverbund“ retardieren könnte. Fokussiert auf die Frage des kommunizierten Bildes geht es hierbei um seine „paradoxe Existenzweise“ (Gottfried Boehm) im Prozess der Erzeugung von Realität. Welcher Wirklichkeitsanspruch verbirgt sich hinter dem Bild? Wie gelingt es, – einerlei ob herkömmlich oder digital erzeugt – im Hirn des Betrachters die Illusion der Realität zu erzeugen? Das war immer strittig, denn seit der Antike ist das Bild verehrt oder verteufelt worden – eine Kontinuitätslinie, die sich über Bilderkriege, Bildstürmerei oder visuelle Umweltverschmutzung durchaus bis zur heutigen Präsenz elektronisch erzeugter Bilder fortschreiben lässt. Denn deren Erscheinung bleibt ebenfalls trügerisch. Sind sie ein Segen oder ein Fluch, schrumpft die Welt zur magischen Oberfläche, in der uns virtuelle „Firewalls“ und Virenkiller vor den künstlich kreierten Angreifern von Draußen schützen? Insofern ist das Label „Windows“ mehr als nur ein Fenster zur Welt oder ein medientechnisch abgezirkeltes Betriebssystem.

Im Kontext des in vielen Bezugswissenschaften diskutierten „Iconic turn“ kann sich die Kunstdidaktik sicherlich nicht um Antworten herumdrücken, ja angesichts der vorliegenden, bunten Palette von theoretischen Zugängen und anwendungsbezogenen Möglichkeiten wäre es eine verpasste Chance, sie zu ignorieren. „Die menschliche Wahrnehmung und die mentalen Prozesse werden nach dem Einfluss der neuen Medien zu befragen sein; die Folgen neuer Bildkonstruktionen wirken in die Kunstpädagogik hinein.“ (S.7)

Plausibel gegliedert ist der Band nach dem Einführungsteil in zwei große Kapitel, die den Themenbereich „Werkzeug und Medium“ (S. 23ff.) mit vielen exemplarischen Beispielen ausfüllen, und einen mehr reflexiv angelegten Teil, der sich, ausgehend von McLuhans berühmten Diktum, mit dem „Medium“ als Medium beschäftigt, um darin eine „Reflexivität in Bezug auf die Medien“ selbst zu gewinnen.

Behutsam verweisen im ersten Teil mehrere Autoren auf den Möglichkeitssinn und die eröffneten Chancen, die im Experimentieren, Konstruieren, Gestalten und Ersinnen von medientechnisch generierten Bildern oder Texten angelegt sind. Die Resultate reichen von anschaulichen Praxisberichten über multimediale Präsentationen für das Internet, Website–Gestaltung, mediale Kunstgeschichtsprojekte, experimentelle Verfahren et cetera bis hin zum Crashkurs mit „Adobe Photoshop“ für Einsteiger. Vieles davon ist ohne weiteres in den Unterricht integrierbar und entlastet enorm von der eigenen Organisation solcher Lernprozesse. Dazu ist auch der Anhang (Kap. IV. Support) zu zählen, der eine brauchbare Sammlung von kommentierten Kunstlinks bietet. Der zweite Teil, und hier würde ich den Schlenker zur „Gegenwartskunst“ (in einem dritten Kapitel) hinzu zählen, liefert so etwas wie den Überbau – nicht ohne die Anwendungspraxis von ambitionierten Künstlern aus dem Auge zu verlieren.

Der Sammelband mit seiner Fülle von Impulsen zur Verlebendigung der Unterrichtskultur spiegelt im Prinzip eine mögliche IT- Richtschnur einer zeitgemäßen Kunstpädagogik.

 

Werner Stehr