Zeichnen als Erkenntnis

Barbara Lutz-Sterzenbach/Johannes Kirschenmann (Hrsg.): Zeichnen als Erkenntnis. München: kopaed 2014, 654 Seiten, zahlreiche Abbildungen. ISBN 978-86736-432-4;
29,80 €

 Die Galerie Nord des Berliner „Kunstvereins Tiergarten“ zeigte 2015 eine bemerkenswert originelle Ausstellung unter dem Titel „Anonyme Künstler 2015“. Die dort präsentierten 600 Zeichnungen stammen jedoch nicht von wirklich „anonymen“ oder gänzlich unbekannten Urhebern. Teilweise handelt es um international renommierte Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Altersgruppen, die in den vergangenen Jahren dem Medium „Zeichnung“ zu neuem Glanz verholfen haben. Nur in dieser Ausstellung geben sie ihre Identität nicht preis, erst wenn sich ein Besucher zum Kauf eines oder mehrerer Blätter entschließen sollte, wird das Geheimnis gelüftet, und er erfährt, wer die betreffenden Arbeiten geschaffen hat. Mit diesem Konzept werden nicht nur die üblichen Mechanismen des Kunstmarkts infrage gestellt, auch das Medium „Zeichnung“ rückt durch eine Art von kollektivem Gesamtkunstwerk in den Mittelpunkt des Publikumsinteresses.

Man kann sich vorstellen, wie groß das Spektrum ist und wie disparat die verschiedenen Handschriften und künstlerischen Temperamente sind, die hier in einer Präsentation aufeinandertreffen.

Eine ähnliche Vielfalt und Diversität ergibt sich, wenn man Autoren aus verschiedenen europäischen Ländern mit unterschiedlichen Berufen und Wirkungsbereichen einlädt, ihre Erfahrungen, Einsichten und Überzeugungen zum Thema „Zeichnen und Erkenntnis“ in einem Symposium vorzustellen. Eingeladen zu einem solchen Treffen haben die Kunstpädagogen Barbara Lutz-Sterzenbach und Johannes Kirschenmann und sie fanden eine überraschend große Resonanz. Die von ihnen konzipierte und von Nina Annabelle Märkl und Olaf Probst mitorganisierte Tagung, auf der Fachdidaktiker, Künstler, Kunsthistoriker, Philosophen und Neurowissenschaftler einen lebendigen Dialog über Disziplin- und Schulgrenzen hinweg führten, fand im Oktober 2013 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste statt. Die dort gehaltenen Vorträge – teilweise erheblich erweitert und umfangreich illustriert – sowie eine Dokumentation der künstlerischen Präsentationen bilden die Grundlage für den nun vorliegenden Tagungsband. Naturgemäß ist es nicht möglich, eine solche Anthologie, in der 43, keineswegs anonym bleiben wollende Autorinnen und Autoren zu Wort – und zum Bild – kommen, in einer Besprechung zu referieren, geschweige denn angemessen zu würdigen. Der Rezensent beschränkt sich deshalb darauf, die Themenkomplexe zu benennen und einige der auf dieser Tagung vorgestellten und diskutierten Thesen zu erläutern.

Dass „Zeichnen“ und „Erkenntnis“ korrelieren, wird als Tatsache vorausgesetzt. Deshalb haben die Herausgeber auf ein Fragezeichen im Motto ihrer Tagung verzichtet. Alles andere als eindeutig und gesichert zu beantworten ist allerdings die Frage nach den epistemischen und neuropsychologischen Grundlagen und Mechanismen dieser Korrelation.

Der Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Horst Bredekamp, dessen grundlegender Beitrag „Spiralkritzel von Galilei, Campanella und Fludd“ (S. 23-36) den Band einleitet, schreibt dazu: „Offenkundig reicht das begriffliche Denken bis in Zonen der Grafik, in denen die zeichnende Hand selbst die Spontaneität ihrer Motorik ins Spiel bringt. Dies bedeutet, dass im Nicht-Intentionalen nicht nur die Bedingungen der Fantasie, sondern auch der Bindung und der abstrahierenden Verallgemeinerung angelegt sind.“ (S. 34). Ob eine Federzeichnung von „Spiralbewegungen“ in Tommaso Campanellas Manuskript seiner Schrift „L’ateismo trionfante“ (Biblioteca Vaticana, Ms Barb. Lat. 4458, fol. 80) Bredekamps weitreichende hermeneutische Schlussfolgerungen wirklich rechtfertigt, kann hier nicht diskutiert werden. Wesentlich ist der Tenor seines Aufsatzes, dass nämlich die Grenzen von Kunst- und Wissenschaftssphäre fließend sind und „greifbare Gestaltformen“ in beiden kreativen Bereichen Entsprechungen und wechselseitige semantische Erklärungen finden können: „Keine Zeichnung ist unbedeutend genug, als dass sie nicht der Betrachtung wert wäre“, lautet sein Diktum (S. 35). Dieser Grundüberzeugung folgen auch die übrigen bildwissenschaftlichen und kunsthistorischen Beiträge, die ganz unterschiedlichen Gegenständen gewidmet sind. Ihr Spektrum reicht von den paläolithischen Höhlenzeichnungen (Toni Hildebrandt) bis zu einer scharfsinnigen Analyse der „Melanienkarten“ von Christoph Sehl, die uns das „kyklopische Sehen“ lehren wollen durch den Philosophen Eckhard Keßler. In einer kunsthistorischen tour de force erläutert Andreas Strobl, Konservator an der Münchner Staatlichen Graphischen Sammlung, grundlegende Strömungen, Werkzeuge und Archivierungsformen der modernen Zeichnung von der italienischen Renaissance bis zur Postmoderne.

Ein weiterer Schwerpunkt des Tagungsbandes ist dem „Zeichnen als Erkenntnis in der Perspektive von Künstlerinnen und Künstlern“ gewidmet. Die Beiträge und Präsentationen von Werkgruppen, die hier versammelt sind, unterscheiden sich auf wohltuende Weise von der Zauberformel „Artistic Research“, die seit den frühen 1990er Jahren versuchte, die künstlerische Praxis als Form der Wissenschaft selbst zu verstehen und zu etablieren. Die Organisatoren des Symposiums hatten aus naheliegenden Gründen nicht den uneinlösbaren Ehrgeiz kaleidoskopartig alle wichtigen Positionen heutiger Zeichenkunst vorzustellen, sondern beschränkten sich auf einen Kreis von Künstlern, der häufig, jedoch nicht immer, einen Bezug zur Kunstpädagogik und zu darstellerischen Ausdrucksformen besitzt. Entstanden ist so ein ziemlich buntes „Florilegium“ von bekannten und weniger bekannten Künstlern, die teilweise noch recht jung sind, teilweise auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückschauen können. Der Rezensent hatte während des Symposiums Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass dieses Angebot von vielen Studierenden – und keineswegs nur von solchen der Kunstpädagogik – wahrgenommen und geschätzt wurde, was in Zeiten immer enger getakteter Studienpläne nicht selbstverständlich ist.

Wer den überaus lebendigen und zugleich altersweisen, extemporierten Vortrag von Franz Erhard Walther „Der Kopf zeichnet – die Hand denkt“ miterlebt hat, wird Verständnis dafür haben, dass sein Beitrag im Tagungsband (S. 157-166) gleichsam nur eine schmale, dokumentierende Spurensuche sein kann. Ähnliches gilt für Fridhelm Klein, der als Hochschullehrer an der Münchner Kunstakademie über drei Jahrzehnte hinweg zu den entschiedenen Verteidigern der Handzeichnung gehörte. In seinem, zum Dialog herausfordernden Beitrag berichtet er über die Voraussetzungen und die Praxis seiner täglichen zeichnerischen Erkundungsgänge (S. 251-272). Der ebenfalls auf vielen s-Feldern der Zeichnung tätige Matthias Beckmann diskutiert, ob er das, was er zeichnet, auch verstehen muss (S. 143-155) und kommt zu einem negativen Befund. Ein Zeichner wie Adolph von Menzel, der sich als „Chronist der Wirklichkeit“ unermüdlich mit der Funktionsweise der von ihm gezeichneten Objekte beschäftigte, hätte ihm hier vehement widersprochen.

Die Frage nach dem epistemischen Potenzial zeichnerischen Handelns ist mit der kunstpädagogischen Praxis unmittelbar und untrennbar verbunden ist. Dies spiegelt sich im Tagungsband in zwei umfangreichen Themenkomplexen wider, die sich zum einen dem „Zeichnen als Erkenntnis in der kunstpädagogischen und Theorie und Empirie“, zum anderen ganz konkret den „Potenzialen des Zeichnens im Kunst-, Biologie und Mathematikunterricht“ widmen. Diese Beiträge reflektieren, was die langjährige Erfahrung von zeichnenden Künstlerinnen und Künstlern für das Zeichnen bedeuten und bewirken kann (Béatrice Gysin, Barbara Lutz-Sterzenbach u. Agnieszka Karasch), sie protokollieren Fallstudien aus der Unterrichtspraxis (Ruth Kunz) und gehen detailliert auf die Bedeutung des Zeichnens für die musische Bildung und Ausbildung im Kinder- und Jugendalter ein (Bettina Uhlig, Edith Glaser-Henzer, Carina Sucker, Alexander Glas u. Anna-Maria Schirmer).

Johannes Kirschenmann gibt in einem dem Fachhistoriker Wolfgang Legler gewidmeten Beitrag einen durch ausführliche Zitate historischer Quellen unterstützten Überblick über die sich wandelnden didaktischen Konzeptionen des Zeichnens von der ersten deutschen Kunstakademie in der Stadt Nürnberg des 18. Jahrhunderts bis zur Reformpädagogik der 1920er Jahre.  

Was die Förderung des Verstehens durch Zeichnen für die alltägliche Schulpraxis bedeutet und wo deren Entwicklungspotenziale liegen und liegen könnten untersuchen Johanna Wögerbauer, Andreas Kragler, Therese Weber, Carolin Retzlaff-Fürst sowie – für den Mathematikunterricht – als Autorenduo Hanna Gärtner und Matthias Ludwig.

In einer Zeit in der sich die Kunstwissenschaft – spätestens seit dem iconic turn – zunehmend ihrer neurologischen und neuropsychologischen Grundlagen bewusst wird und diese als eigenständigen Forschungsgegenstand etabliert hat, erschien es unabdingbar, dass während des Symposiums auch diese Disziplinen zu Wort kamen. Der eindrucksvolle, gut lesbare Beitrag von Hans Dieter Huber, der sich mit neuronalen Aktivitäten bei Wahrnehmungsprozessen beschäftigt, hätte auch mit anderen Stimmen kontrastiert werden können, die die Rolle des „Spiegelneuronensystems“ als weniger gravierend ansehen, aber dies wäre der Gegenstand eines anderen Symposiums gewesen. Während uns Mirjam Geiger-Ries – ausgehend von einem sehr persönlichen Zugang zur bildenden Kunst – anhand von neuroanatomischen Befunden darüber aufklärt, dass unser Gehirn nicht „die eine Künstlerregion“ hat, sondern ein ganzes „kreatives Netzwerk“ benötigt, um ein Kunstwerk erschaffen zu können, kehrt Ingo Rentschler noch einmal zu Galilei zurück. Indem er dessen „Fall“ mit der zeitgenössischen Kognitionsforschung verbindet, schließt er den Kreis und ergänzt und erweitert den einleitenden Essay von Horst Bredekamp.

Soweit es der Rezensent überblicken kann, sind auf diesem Symposium fast alle Aspekte des „Zeichnens als Erkenntnis“ vorgestellt worden. Nur die ambivalente Rolle der Zeichnung in der „l’art engagé“, insbesondere in der explizit politischen Karikatur, blieb ausgespart. Dass auch hier die Zeichnung eine, äußerst kontrovers diskutierte Renaissance erleben würde, hätte noch vor wenigen Jahren kaum ein Beobachter der zeitgenössischen Kunst für möglich gehalten. Doch das wäre – wie schon gesagt – der Stoff für andere und weitere Symposien.

Der vorliegenden Tagungsband kann man durch seine Breite und die hohe Qualität vieler Beiträge als eine Art „Handbuch“ zum Thema betrachten, in dem nicht nur gesichertes Wissen referiert wird, sondern der auch viel Neues, Originelles und Nachdenkenswertes enthält. Gewünscht hätte man sich – nicht zuletzt wegen des großen Umfangs des Bandes – ein Personenregister und ein alle Beiträge erschließendes Literaturverzeichnis.

Andreas Kühne