transform2: community

 

Mit folgenden Sätzen beschreibt der geltende österreichische AHS-Lehrplan u. a. die Grundsätze für die Erziehung von Kinder und Jugendlichen zu mündigen und politisch engagierten Staatsbürgern:

„Die Schule ist in ein soziales Umfeld eingebettet, z.B. in die Nachbarschaft, den Stadtteil, die Gemeinde. Durch Öffnung nach außen und nach innen ist dem Rechnung zu tragen, um die darin liegenden Lernchancen zu nutzen.“ (Schul- und Unterrichtsplanung: 7. Öffnung der Schule)

„Die Wahrnehmung von demokratischen Mitsprache- und Mitgestaltungsmöglichkeiten in den unterschiedlichen Lebens- und Gesellschaftsbereichen erfordert die Befähigung zur sach- und wertbezogenen Urteilsbildung und zur Übernahme sozialer Verantwortung. Zur Entwicklung dieser Fähigkeiten ist in hohem Maße Selbstsicherheit sowie selbst bestimmtes und selbst organisiertes Lernen und Handeln zu fördern.“ (Allgemeiner Teil, Leitvorstellungen)

In diesem Zusammenhang ist von einem Fortbildungsprojekt für bayerische KunstpädagogInnen zu berichten, das genau diese Auseinandersetzung und Einmischung in das nähere Umfeld der Schule zum Thema hat.

„’transform2: community’ sollte Klassen und Kurse, möglichst unter Federführung eines Kunstpädagogen der Schule, im Team mit der Schulleitung und kooperierenden Kollegen anderer Fächer, in einem Gestaltungsprojekt vor Ort mit Aspekten des Designs, der Architektur und der Gestaltung im öffentlichen Raum vertraut machen.“ Diese Fortbildung, die zugleich konkrete Projekte als Beispiele für Unterricht hervorbrachte, wurde vom Lehrstuhl für Kunstpädagogik der Akademie der Bildenden Künste München betreut.

30 Schulen bewarben sich, von denen schließlich ein gutes Dutzend an der Fortbildung teilnahmen. Das Fortbildungskonzept orientierte sich an den Projekten, die die Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen mit ihren Schülern durchführten oder durchführen wollten, es gab also nicht von vorneherein die Inhalte der Fortbildungsveranstaltungen vor, diese entwickelten sich vielmehr aus den jeweils aktuellen Problemen. „In den begleitenden Veranstaltungen führten Designer, Stadtplaner, Kommunalpolitiker oder Pädagogen in Themensegmente ein, berieten zum Sponsoring, erläuterten Funktionsabläufe und übten in Workshops elementare Gestaltungsaufgaben.“ Am wichtigsten aber war die gegenseitige Beratung der Mitglieder der Fortbildungsgruppe untereinander, die sich an ihren jeweiligen Schulen trafen.

Entstanden ist daraus das soeben erschienene Buch:

 

Kirschenmann, J. & Stark, J.(Hrsg.): Handeln und gestalten im öffentlichen Raum Projekte aus dem Kunstunterricht, Ludwig Auer GmbH, Donauwörth 2005, 240 Seiten mit vielen Abbildungen, ISBN 3-403-04520-X

Schwerpunkt des Buches bilden die ausführlichen Berichte der beteiligten Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen. Sie berichten mit vielen Abbildungen von ihren (nicht immer guten) Erfahrungen mit ihren Projekten. U.a werden vorgestellt: Umgestaltung eines Schulhofes, die Entwicklung eines Leitsystems für ein neues Gymnasium, Aufstellen von Stelen auf einem öffentlichen Platz, eine innerstädtische Platzgestaltung, Gestaltung einer Straßenbahnhaltestelle. Während die meisten Arbeiten auf eine dauerhafte Veränderung in der gestalteten Umwelt zielten, beschäftigte sich ein Projekt in Form einer Aktion mit Performance mit einem ehemaligen Außenlager des KZ Floßenbürg.

Die Projektbeschreibungen erzählen von Problemen mit lokalen Ämtern, von Gesprächen und Verhandlungen mit kommunalen Entscheidungsträgern und der Zusammenarbeit mit Architekten und Planern. Häufig mussten die Schülerinnen und Schüler erleben, wie aus zunächst frischen, naiven, utopischen und vor allem frechen Entwürfen im Laufe der Auseinandersetzung mit den Sachzwängen (Sicherheit, Brandschutz, Finanzen) immer mehr Kompromisse gemacht wurden, so dass einige Gestaltungen dem ähneln, was Profis tagtäglich machen. Auch kann man sich manchmal nicht ganz dem Verdacht entziehen, dass die Ideen der Schülerinnen und Schüler auf die Geschmacksvorstellungen des guten Designs getrimmt wurden – Geschmackerziehung, wenn auch verdeckt, ist immer noch ein (ungelöstes) Problem in der Kunstpädagogik.

Manche der Projekte zogen sich über mehrere Jahre, so dass oft die Schülerinnen und Schüler, die anfangs beteiligt waren, schon die Schule verlassen haben, wenn das Vorhaben endlich realisiert wird. Es zeigt sich auch, dass es besser ist, kleinere überschaubare Projekte in Angriff zu nehmen.

Die Beiträge aus der Praxis werden ergänzt durch Kontextartikel zu Themen wie Schulsponsoring, Projektarbeit, Design, vor allem hervorzuheben ist der Beitrag „Tipps zur erfolgreichen Pressearbeit“, der genau und praxisnah auf zwei Seiten sagt, was man richtig und falsch machen kann.

Rundherum ein empfehlenswertes Buch für Bildnerische Erzieher ebenso wie für Werkerzieher und textile Gestalter, das Anregungen für die Praxis und utopische Projekte gibt.

Franz Billmayer